Friday, November 25, 2005

funktionalismus

Lukas Edthofer
Matrikelnummer: 0508969



Funktionalismus2. Welche Hauptfragen und -anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.

Bronislaw Malinowski und Alfred Reginald Radcliffe Brown, waren zweifellos die Gründerväter der britischen Sozialanthropologie, die in ihrem Auftreten, Schreibstil und Umgangsformen nicht unterschiedlicher hätten sein können, aber dennoch mit ihrem „Schaffen“ und ihren Erkenntnissen wesentlich zu einer gemeinsamen Sache beitrugen: Die Weiterentwicklung der traditionellen britischen Anthropologie zu einer “neuen“, gegenwartsbezogenen sozialwissenschaftlichen Anthropologie.
B.Malinowski (geb.1884 in Krakau – 1942 gest. in New Haven, USA), stammte aus einer polnischen Adelsfamilie. Er wuchs in der zerfallenden Donaumonarchie auf, und erkannte schon früh, dass die Geschichte keinen Einfluss auf das Erforschen von Gesellschaften und somit auf die Gegenwart haben soll. Zu der Überzeugung gelangte er unter anderem durch seine Erfahrungen mit dem Nationalismus, dem er sehr kritisch gegenüberstand, da er entdeckte, wie die Geschichte regelrecht instrumentalisiert wurde um die eigenen, nationalen Interessen zu wahren. Er stand für eine klare Trennung des „Hier & Jetzt“ und der Geschichte. Im „Hier & Jetzt“ liegt der Forschungsgegenstand und nicht in der Vergangenheit.
Malinowski gilt als Vater der Feldforschung und als Begründer der teilnehmenden Beobachtung. Damit kann er eigentlich auch als einer der Begründer qualitativer Sozialforschung bezeichnet werden.
Radcliffe-Brown, A. R. (geb.1881 in Birmingham – 1955 gest. in London), war eher ein Theoretiker, als ein großer Feldforscher, trug aber dennoch mit seinen exakt formulierten und detaillierten Ausführungen stark zur Entwicklung der britischen Anthropologie bei.(Er war im hohen Maße beeinflusst von seinem Lehrer Emile Durkheim, aber auch von den Philosophen Thomas Hobbes und Jean Jacques Rousseau). Neben einer relativ hohen naturwissenschaftlichen Vorprägung, ist unter anderem zu bemerken, dass er sich schon in seinen frühen Studententagen intensiv mit dem Anarchismus, d.h. mit den Prinzipien einer staatenlosen Gesellschaft, auseinander setzte. Er wurde von seinen Kommilitonen liebevoll „Anarchy Brown“ genannt.
Der theoretische Ansatz, der auf seinen Ideen aufbaut, ist der Strukturfunktionalismus, dessen Grundaussage jene ist, dass alle sozialen und kulturellen Phänomene funktionell sind, und somit zur Aufrechterhaltung der gesamten sozialen Struktur einer Gesellschaft beitragen. Weiters sieht er die Gesellschaft als ein integriertes Ganzes, in dem die sozialen Institutionen (wie z.B.: Kinship, politische Ansichten, gesellschaftliche Normen, etc.) zusammen arbeiten und sich ergänzen. (Ähnlich dem menschlichem Körper). Das Individuum spielt keine so große Rolle.
Malinowski hingegen sagt, dass die angeborenen, menschlichen Bedürfnisse die treibende Kraft in der Entstehung von sozialen Institutionen sind. In diesem Zusammenhang spricht man auch oft vom biopsychologischen Funktionalismus.
Er entwickelte seine Analysen basierend auf dem Funktionalismus, welcher an dem theoretischen Konzept von Emile Durkheim anknüpft. Alle Teile einer lokalen Kultur spielen eine Rolle in der gesamten Funktion.
Doch das kann man nur begreifen, wenn man sich auf eine lokale Kultur voll und ganz einlässt, und versucht sie von „Innen“ heraus zu verstehen.
Hier begegnen wir wieder dem Prinzip der teilnehmenden Beobachtung, die Malinowski eindrucksvoll in seiner zweijährigen Feldforschung auf den Trobriand-Inseln (zw. 1914 und 1918/Melanesien) anwendete, und welches sich auch in seinem wohl berühmtesten Werk “The Argonauts of the western Pazifik“ manifestierte.
Er setzte somit einen neuen Standard der ethnografischen Datenerhebung, der bis heute noch unangefochten ist. Er war der erste, der eigenständig seine Daten sammelte, die lokale Sprache erlernte und sich am täglichen Leben beteiligte, woraus er viel ethnografisch verwertbares Material entnahm wie z.b: die Entdeckung des ’Kula-Handels’.
Radcliffe Browns Feldforschungen fielen im Vergleich dazu eher mager aus. Nach einem mehr oder weniger frustrierenden Forschungsaufenthalt auf den Andamanen (Inselgruppe östl. von Indien), beschäftigte er sich mit Südafrika (wo er eine tiefe innere Abneigung gegen das vorherrschende Apartheidsystem entwickelte) und war auch in Australien tätig, wo er einen Lehrstuhl in Capetown und Sydney inne hatte. Er untersuchte auch, wie sehr Bräuche das soziale Leben innerhalb einer Gesellschaft beeinflussen bzw. stabilisieren.
R. Brown war auch der Ansicht, dass es nichts bringt, einen Einzelfall genau zu studieren, ohne ihn anschließend systematisch zu vergleichen.
Er geht von einer biologischen “Blattmetapher“ aus, wo er meint, dass ein Blatt (wie die Struktur einer Gesellschaft), von feinen Adern zusammengehalten, organisiert u. durchstrukturiert ist und es gewisse Grundelemente gibt, die wichtiger sind als andere Einzelelemente. Und genau diese verbindenden Grundelemente, gilt es durch den systematischen Vergleich herauszufiltern.
Einer der Hauptkritikpunkte der ihm dabei entgegengebracht wurde, war, dass eine Gesellschaft kein lebender Organismus sei und es wäre irreführend eine biologische Metapher zu verwenden, um eine Gesellschaft zu beschreiben. Der Begriff „Funktion“ wurde von vielen Kritikern der Mathematik zugeordnet, welche keinen Platz in den Sozialwissenschaften hat.
Doch auch Malinowski wurde kritisiert. Man warf ihm zum Beispiel bei seinen Feldforschungen Überheblichkeit im Umgang mit den lokalen Bevölkerungsgruppen vor, wie man es auf einigen Fotodokumentationen veranschaulicht sieht. (Seine Selbstdarstellung als großer Forscher mit Tropenhelm und die „Wilden“ liegen ihm zu Füßen). Er legte auch eine gewisse „Masterhaltung“ an den Tag, die von vielen richtigerweise als negativ gesehen wurde.
Man muss ihm jedoch zu gute halten, dass er methodologisch vieles weiter entwickelt hat. Malinowski war zum Beispiel der erste, der ein Feldtagebuch geführt hat, was auch in weiten Kreisen umstritten ist, wegen seiner rassistischen Ansätze. Es wurde erst zwanzig Jahre nach seinem Tod veröffentlicht und warf u. a. die Frage auf, ob man überhaupt gute Feldforschung machen kann, wenn man der beforschten Gesellschaft so wenig Respekt entgegenbringt. Eriksen (1995) meint dazu folgendes: „The answer is obviously yes, and as long as one does not molest one´s hosts in the field, there can be no rules against negative attitudes on the part of the anthropologists. At the end of the day, the value of participant observation lies in the quality of the empirical data one has collected, not in the number of good friends he has acquired in the field.” (Erkisen, 1995, S. 27).
Es ist schwer diese Haltung zu beurteilen, weil man berücksichtigen muss in welcher Zeit sich das ganze abgespielt hat und dass sich Malinowski seinen Frust sicherlich auch irgendwie von der Seele schrieb. Dennoch muss die Objektivität gewahrt werden und das Abdriften in eine negativ stereotypisierende Forschung verhindert werden.

Nichts desto trotz, waren Bronislaw Malinowski und Alfred Reginald Radcliffe Brown Ausnahmeerscheinungen ihrer Zeit, und sie prägten nicht nur die britische sondern überhaupt die europäische Kultur- und Sozialanthropologie.





Quellen:

Fredrik Barth, André Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One Discipline, Four ways: British, German, French, and American Anthropology, University of Chicago Press, Chicago, 2005
Thomas Hylland Eriksen: Small Places, Large Issues, Pluto Press, London, 1995